Auswirkungen der Krise auf den digitalen Wandel in Bildungseinrichtungen – 5 Hypothesen

1. Die Krise erzeugt eine Erschütterung von (Handlungs-)Routinen. Die gegenwärtige Ausnahmesituation führt zu einer Erschütterung von bestehenden Handlungsroutinen von Lehrkräften. Mit Oevermann lassen sich verschiedene (Ideal-)Typen von Krisen unterscheiden (traumatische Krise, Krise durch Muße, Entscheidungskrise). Es wäre zu untersuchen wie diese krisenhafte Situation sich im Einzelfall darstellt und wie sie konkret bewältigt wird.

2. Eine Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der Digitalisierung im eigenen professionellen Handeln wird durch die Krise erzwungen. Die erzwungene Situation des Fernunterrichts erfordert eine Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten digitaler Lernangebote. Der Zwangscharakter erscheint zunächst als ein ungünstiges Vorzeichen für eine offene Auseinandersetzung mit diesem Thema. Es wäre zu untersuchen, inwieweit dennoch eine produktive Auseinandersetzung statt findet.

3. Diese erzwungene Auseinandersetzung führt nicht zwangsläufig zu einer neuen Bewertung von digital gestützten Lernangeboten. Bestimmte Deutungsmuster können als Lernbarrieren einer organisationalen Veränderung im Weg stehen. Der Anpassungsdrucks der Umwelt auf Bildungseinrichtungen in der Frage der Digitalisierung stellte die Lehrkräfte schon vor der Krise vor ein Handlungsproblem, auf das sie mit bestimmten Deutungsmustern reagieren konnten. Hier wäre zu untersuchen welche Deutungsmuster dies sind und ob diese durch die Krise verändert wurden. Dazu wären beispielsweise narrative Interviews mit Lehrkräften, Transkripte von Besprechungen unter Lehrkräften oder Unterrichtsaufzeichnungen als Material geeignet.

4. Die Bildungspraxis und die Ansprüche an sie sind nicht immer deckungsgleich. Durch die Krise haben sich die Ansprüche an die Bildungspraxis – wenn auch nur vorübergehend – dramatisch verändert. Es wäre zu prüfen, inwieweit die Bildungspraxis den verkündeten Ansprüchen und Zielsetzungen auch wirklich gerecht wird. Das heißt es müsste auf der pragmatischen Handlungsebene genau hingeschaut werden, inwieweit es sich wirklich um eine veränderte Praxis oder nur um eine vordergründig und leicht abgewandelte Praxis handelt.

5. Die Krise führt auf der Ebene der institutionellen Regelsysteme zu einer Reflexion des Umgangs mit digitalen Lernangeboten. Eine Annahme wäre, dass die Krise eine Auseinandersetzung über notwendige institutionelle Regeln und Rahmungen digitalen Lernens angestoßen hat. Wenn wir mit Moldaschl voraus setzen, dass ein digitaler Wandel in Bildungseinrichtungen einen reflexiven Umgang mit dem Thema voraussetzt, wäre zu untersuchen, inwieweit die Bildungseinrichtungen schon vor der Krise in ihrer Organisation Reflexivität institutionalisiert hatten. In einem zweiten Schritt könnte man untersuchen, inwieweit die Krise zu einer Erweiterung der institutionellen Reflexivität geführt hat. Außerdem wäre es interessant zu untersuchen, welche institutionellen Regeln sich während der Krise gebildet haben und ob sich diese dauerhaft etablieren konnten.

Hier geht es zur Langform: Mögliche Auswirkungen der gegenwärtigen gesellschaftlichen Krise auf den digitalen Wandel in Bildungseinrichungen

Literatur

Moldaschl, Manfred. (o. J.). Innovationsfähigkeit. Mythenkritik und Gegenentwurf. Online verfügbar unter: https://www.wiwi-online.de/Literatur/Fachartikel/307/Innovationsfahigkeit

Moldaschl, Manfred. (2010a). Das kulturhistorische Paradigma: Eine Anleitung zum Bau konsistenter Theorien der Innovationsfähigkeit. Online verfügbar unter http://hdl.handle.net/10419/55372 (letzter Zugriff: 28.04.2020)

Moldaschl, Manfred. (2010b). Innovation in sozialwissenschaftlichen Theorien oder: Gibt es überhaupt Innovationstheorien?, Online verfügbar unter:https://www.econstor.eu/handle/10419/55377 (letzter Zugriff: 28.04.2020)

Moldaschl, Manfred (2010c): Depitsemologie des Organisationslernens. In: Geissler, H., Heidsiek, C., & Petersen, J. (Hrsg.): Organisationslernen im 21. Jahrhundert: Festschrift für Harald Geissler. Frankfurt: Peter Lang, S.81-93

Oevermann, Ulrich (2001): Die Struktur sozialer Deutungsmuster—Versuch einer Aktualisierung, In: sozialersinn, 1, S: 35–81.

Oevermann, Ulrich (2008): „Krise und Routine“ als analytisches Paradigma in den
Sozialwissenschaften [Abschiedsvorlesung], Online verfügbar unter:https://bit.ly/3f5QBCp (letzter Zugriff: 28.04.2020)

Oevermann, Ulrich (1991): Genetischer Strukturalismus und das sozialwissenschaftliche Problem der Erklärung der Entstehung des Neuen, In: S. Müller-Doohm (Hrsg.): Jenseits der Utopie: Theoriekritik der Gegenwart, Frankfurt: Suhrkamp Verlag, S. 276–336.

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